Jedes Jahr um diese Zeit gilt es sich zu verabschieden und für einen Neubeginn parat zu machen. Schon lange geschah das nicht mehr so bewusst wie Ende 2020 mit Bedenken, Sorge und ganz viel Hoffnung für 2021. Abschied und Neubeginn sind in meiner Arbeit tägliche Themen und es ist mir eine Freude, immer wieder die Chance der Krise und der Trauer meiner Klient:innen zu entdecken. Und so möchte ich mit diesen letzten Ansichten für 2020 das Jahr mit einigen Gedanken schließen und voll Freude mit Ihnen ins neue Jahr gehen. 

Trauer und Krise als Chance klingt für viele Menschen befremdlich und ich kann das gut verstehen. Krisen und Trauer machen Angst und wir verbinden sehr viele sogenannte schlechte Gefühle damit. Auch wenn wir uns keine Verluste wünschen und froh sind, wenn sie nicht ins Leben kommen, so kann ich doch sagen, dass ich durch jede Krise ein Stück wachsen konnte und ich die Krise als Chance nutzen durfte.

Geht es Ihnen auch so? Erinnern Sie sich vielleicht konkret an eine Situation?

Krise als Chance

Mir fällt ein Erlebnis vor einigen Jahren ein. Als Perfektionistin war und ist es für mich immer schwer, wenn mich etwas überforderte.

Dann kam eine Aufgabe, während einer Ausbildung, die für mich Abschied und Neubeginn war.

Es wurde eine Aufgabe im Rahmen einer Outdoor-Vertrauens-Übung in einer Ausbildung gestellt. Der Reihe nach sollten wir uns von einem Felsen in die Hände der Gruppe fallen lassen. Mein Vertrauen in diese Gruppe war sehr groß. Und ich genoss es, mit den anderen die jeweils fallende Person sicher zu fangen und zu tragen. Trotz Höhen- oder besser Fall-Angst wollte ich es versuchen. „Todesmutig“ wie mir schien, nahm ich den großen Schritt hinauf. Stellte mich hin, spürte und hörte die Gruppe hinter mir.

Mein Herz raste, mein Atem wurde flach, in meinem Magen war es flau und meine Knie wackelten während meine Beine aus Gummi waren. Leise gab ich zu: „Ich kann das nicht.“ Als Einzige in der Gruppe stieg ich zitternd wieder herunter. Im Moment fühlte es sich an, wie versagen.

Wieder einmal nicht geschafft,  zu wenig bemüht und wieder einmal aufgegeben und nicht entsprochen. Wieder einmal…

Und dann kam der Wendepunkt. Unser Ausbilder sagte, als alle anderen ihren Fall gemeistert hatten, froh und glücklich im Kreis standen:
„Jetzt wollen wir auch noch etwas für Astrid tun.“
„Für mich? Die Versagerin?“, das waren meine ersten Gedanken.
Die Gruppe stellte sich gegenüber in Zweierreihe auf und kreuzte die Arme. Ich durfte hineinliegen. Wurde getragen, gewiegt und fühlte mich
plötzlich so geborgen. Womit hatte ich das verdient?

Dieses Mal wurde mein Versagen gewandelt in ein: „Ich muss nicht alles können und bin wertvoll und werde gesehen, wie ich bin.“
Noch heute bin ich dem FGA-Lehrgang nicht nur für diese Erfahrung dankbar.

In der Krise als Chance erkennen, dass ich nicht wertvoll bin, weil ich es verdiene, gut mache oder etwas kann. Ich bin wertvoll, weil ich bin.

In einem solchen Zusammenhang die Krise als Chance nutzen, das kennt jeder Mensch mehr oder weniger intensiv. Doch was ist mit den Krisen, die unser ganzes Leben durcheinander bringen?

Kintsugi

Kingtsugi
wenn das Leben zu zerbrechen droht und im Abschied der Neubeginn noch nicht gesehen wird

Vor einigen Wochen durfte ich einen Text lesen, in dem Kintsugi als Technik beschrieben war. Zerbrochene
Gefäße werden repariert , in dem die Risse hervorgehoben werden. Wenn unser Leben zerbrochen scheint, dann können die Teile mit der Zeit wieder zusammengeflickt werden. Es bleiben Risse und Spalten. Doch wenn diese mit Gold verbunden werden, dann sind genau die Risse und Spalten das Wertvolle an uns. Sie prägen uns und sie machen uns schlussendlich auch zu der Person, die wir sind. Wir sind nicht wertvoll, weil wir ungebrochen und stark durch das Leben gehen, sondern weil wir das Zerbrechen zulassen und sichtbar machen. Dann, wenn wir uns zeigen und öffnen, so wie ich das jetzt auch in dieser Ansicht mache, werden wir nicht nur verletzlich, sondern auch berührbar und nahbar.

Ich habe viele solcher Rissen und auch einige große Löcher, die mir mittlerweile wertvoll sind. Die golden verzierten Risse und Spalten meines Lebens schätze ich  und bin dankbar, wenn ich Risse und Spalten im Leben meines Gegenüber sehen und wertschätzen darf.

Abschied und Neubeginn

Jedes Zerbrechen am oder im Leben bedeutet einen Abschied. Jedes Zusammenflicken bedeutet ein Neubeginn. Dieser Abschied und Neubeginn ist die Krise und die Chance. Auch wenn die Chance oft lange nicht erkannt werden kann oder will, sie gehört auch dazu. Deshalb möchte ich heute meinen Wunsch an alle Menschen richten, denen das Jahr 2020 viel abverlangt hat. Wenn neue Wege gegangen werden müssen und die Frage wann und wie denn wieder Normalität einkehren kann begleitet.

Wünsche zum Abschied und Neubeginn

Für dieses Weihnachten wünsche ich, dass das Fest des Neuen, der Geburt und der Veränderung wahr werden darf.
Dass die dunkeln und langen Nächte, so wie in der Natur auch wieder den länger und wärmer werdenden Tagen weichen.

Ich wünsche,

dass Angst und Sorge wieder in den Hintergrund rücken damit Freude und Liebe wieder
wachsen dürfen. Dass das Vertrauen auf einen Frühling, auf das Aufspringen und Erblühen,
das Sprießen und Wachsen wie im Barbarazweig sichtbar werden darf. Damit die Krise als Chance genutzt werden darf.

Die Mühsal möge sich wandeln in Leichtigkeit und Neugierde. Damit die Veränderung
angenommen und das neue Leben begrüßt werden darf.

Ich wünsche,

dass die Wege wieder mehr zu Begegnungswegen werden – auf Distanz und in der Nähe.
Dass neue Möglichkeiten gefunden, ausprobiert, alte Rituale angepasst, vieles erfunden und
Bewährtes und Geliebtes auch so bleiben darf.

Das Wort Lock-down darf sich in ein Open-up wandeln um offen zu sein und befreit wieder
aufzugehen in dem was es zu tun und lieben gilt.

Abschied und Neubeginn mögen ineinander verweben und mit Mut und Geduld angenommen werden.

Ich wünsche,

dass … 2021 wieder mehr Lebensfreude in dir und mir wachsen lässt, wie auch immer es aussehen wird.

Weihnachten, Silvester und Neujahr, die Feste um das Neue zu begrüßen und wert zu schätzen, das Alte nicht zu vergessen und ins
Neue als Erfahrung in der Geschichte des Lebens mit hinein nehmen.

Ich freue mich über die vielen neuen Erfahrungen, die ich machen durfte. Über die Menschen, die ich kennen lernen durfte. Und
darauf, dass Leben Überraschung und Neu sein bedeutet. Ich weiß, dass die Gefahr jeder Krise eine große Chance beinhalten kann,
wenn ich mich darauf einlasse.

Und so wünsche ich uns allen, dass wir uns 2021  auf diese Chance einlassen,
den Abschied und Neubeginn betrauern und begrüßen und miteinander
auf unterschiedlichsten Wegen gehen.

Gesegnete Weihnachten und ein 2021 an das Sie sich gerne erinnern werden,
Erholung und ganz viel Hoffnung wünscht von Herzen

Astrid Bechter-Boss