Durch eine Mail wurde ich aufmerksam auf Videos, die sich auf der offiziellen Homepage der deutschen Bundesregierung finden. Und ich bin entsetzt! Das sollen unser Helden und Heldinnen sein? Am liebsten würde ich diese Videos hier gar nicht teilen, doch um eine Ahnung zu bekommen, woher mein Entsetzen rührt, muss ich es wohl oder übel machen. https://www.bundesregierung.de/breg-de/suche/besonderehelden-1811640

In diesen kurzen Filmen, die jeweils etwa eineinhalb Minuten dauern geht es um die Helden von 2020. Im Rückblick schauen ältere Personen auf ihr Leben 2020 und wie sie zu Helden wurden. „Wir taten nix“ sie werden dargestellt als dauerzockende und dauerglotzende Couchpotatos, die sich vollstopfen und in verdunkelten Räumen „nix“ tun.

  • Sollen das unsere Helden, unsere Heldinnen sein?
  • Welche jugendlichen und jungen Erwachsenen sind meine Heldinnen und Helden heute?
  • Warum ich so entsetzt bin?

Sollen das unsere Helden, unser Heldinnen sein?

Nein, ich möchte mir kein faules Vorbild nehmen. Und ja, natürlich fragen sich junge Menschen, die gerade im Homeschooling sind, die gerade arbeitslos wurden, die in Kurzarbeit sind oder deren Unternehmen gerade im Lock-Down steht: „Was soll ich tun? Was mit meiner Zeit anfangen?“ Ich kann nur erahnen, wie es diesen jungen Menschen gerade geht. Sie, die ihr Leben immer eigenständiger in die Hand nehmen wollen, die in die Welt ziehen wollen, die entdecken und erkunden möchten, die wichtigste Zeit am Tag mit Freundinnen und Freunden verbringen wollen. Menschen, die es hinauszieht mit all ihrer Neugierde, die neue Wege beschreiten und ihr eigenes Leben entdecken wollen. Und dann diese Vollbremsung bei 220km/h (wie es einer dieser jungen Menschen in meinem Umfeld beschrieb).

Ja, hier wäre es so leicht, den Kopf in den Sand zu stecken und „nix“ zu tun. Doch ich erlebe ganz viel anderes.

  • Viele Fragen, die auch wir Erfahrenen nicht beantworten können, weil auch wir damit keine Erfahrung haben.
  • Angst vor dem, was da kommt – noch mehr, als es die Jugend an sich schon mit sich bringt.
  • Richtungen werden aufgrund der Wirtschaftskrise hinterfragt ohne eine Ahnung, was sich in den nächsten Zeiten tun wird.
  • Hilflosigkeit, weil sie sich bei der Freundin nicht „auskotzen“ können, weil da immer ein Gerät dazwischen steht.
  • Resignation, wenn das Messen mit Gleichaltrigen fehlt.
  • Kritische Auseinandersetzung, wie es denn mit der Wahrheit um all das steht, was von oben gesagt wird.

Welche Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind meine Heldinnen und Helden heute?

Meine jungen Heldinnen und Helden sind die Schülerinnen und Schüler, die in ungewohnter Art lernen und arbeiten müssen. Getrennt von ihren Mitschülerinnen an Computern sitzen und Einsatz zeigen. Junge Menschen, die über sich hinauswachsen und hineinwachsen in eine uns allen fremde Zeit.

Heldinnen und Helden sind diejenigen, die auch ohne Verein weiter ihren Sport ausüben, die hinausgehen, laufen, radfahren – manche vereinbaren miteinander Strecken, die gemeinsam geschafft werden wollen.

Es sind die jungen Menschen, die nicht aufgeben und sich weiter bewerben, Arbeit suchen und finden möchten, sie sind meine Heldinnen und Helden.

Diejenigen, die sich ehrenamtlich engagieren, sind meine Helden und Heldinnen, beim Roten Kreuz, bei der Feuerwehr, die die Vereine trotz allem lebendig halten durch virtuelle Ideen.

Junge Heldinnen und Helden flätzen sich nicht nur auf der Couch herum und tun „nix“ sondern leben ihr Leben so, wie es jetzt möglich ist. Mit Abstand und mit Lebensmut.

Und sind plötzlich all unsere Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, unsere Mitarbeitenden in den Lebensmittelgeschäften, unsere innovativen Menschen, die Ideen für ihre Läden haben, die Personen im Homeoffice, die Mütter und Väter,… und all die anderen keine Heldinnen und Helden mehr?

Warum ich so entsetzt bin?

Es geht nicht darum auch mal nichts zu tun, sich auszuruhen und das Leben ein Stück ziehen zu lassen. Dagegen habe ich nicht nur nichts, sondern befürworte es. Und dieses Recht haben auch unsere jungen Helden und Heldinnen heute. Zu genießen, was es zu genießen gibt. Kraft zu tanken, Lebensmut zu schöpfen, zur Ruhe kommen. Auch dazu darf diese Zeit einladen. Doch das alles hat für mich nichts mit Faulheit zu tun.

Mich haben die Personen in den Videos an Menschen erinnert, die depressive Verstimmungen haben, sich zu nichts anderem mehr aufraffen können, als zum „nix“ tun. Die sich auf der Couch von einer Seite zur anderen drehen und darin schon eine Leistung sehen. Für mich sind diese Videos eine Demütigung für alle Menschen mit Depressionen oder depressiven Verstimmungen, denen es wahrlich unmöglich scheint, das Leben zu leben. Es ist eine Abwertung für alle, die sich bemühen auch aus dieser Zeit das Beste zu machen.

Ich möchte mit diesem Beitrag keine Diskussion auslösen, wie der Umgang der Regierung mit dem Corona-Virus sein soll, ich bin dankbar, dass ich diese Entscheidung nicht treffen muss. Doch diese Videos sind für mich entsetzlich und ich merke Scham und Wut aufkommen. Bisher habe ich auf der Seite der österreichischen Bundesregierung so etwas zum Glück noch nicht gefunden und hoffe, dass das auch so bleiben wird.

Was dieser Artikel mit Trauer zu tun hat?

Wir befinden uns in einer Zeit, in der wir vieles verabschieden müssen, nicht wissen ob es ein „wie vorher“ wieder geben wird. Auch mit der Impfung und einem Medikament, wird sich vieles verändert haben. Und auch wir haben uns verändert. Ich gehöre zu einer Generation, die keinen Krieg erleben musste, die keine gröberen Katastrophen erfahren hat und die sich immer sicher fühlen durfte. Das hat sich geändert. Auch wenn ich die Corona-Krise nicht mit einem Krieg vergleichen möchte.

Die Sicherheit, dass es so weitergehen wird, die ist uns abhanden gekommen. Die Sicherheit, dass Schulen und Kinderbetreuung selbstverständlich geöffnet hat, dass der Arbeitsplatz in der Firma ist, dass die Läden und Gasthäuser offen haben und dass Freunde und Familie jederzeit besucht werden kann. Wir sind vielleicht noch in der Zeit der Verunsicherung und des Schreckens. Doch wir dürfen auch akzeptieren, dass alles was an Gefühlen über uns kommt, mit Trauer zu tun hat. Die Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Sehnsucht, die Wut, die Angst, die Leere, die Ungewissheit,…

Seien wir Erfahrene Menschen hier ein Vorbild für die Jungen – lassen wir die Trauer zu, damit wir diese neuen Lebensumstände annehmen und leben können. Damit kann der Lebensmut und der Einfallsreichtum wieder steigen. Dann werden wir alle zu Heldinnen und Helden. Wenn wir das Leben leben, die Aufgaben, die sich stellen annehmen, uns Ruhe gönnen, für unseren Körper und unseren Geist sorgen und in 20 Jahren zurückblicken und sagen können „Wir waren die Heldinnen und Helden, denn wir haben nicht „nix“ getan und sind den Weg gegangen, den uns diese Zeit auferlegt hat.“

 

#besonderehelden