„Sag mal, hast du das schon mal gehört, dass jemand um sich selber trauern kann?“ „Natürlich, wenn es ein Verlust ist, den diese Person betrifft, Gesundheit, Liebe oder so.“ „Nein, das meine ich nicht, ich meine wirklich um sich selber trauern… also, weil mein Mann gestorben ist, trauere ich jetzt auch um mich selber. Verstehst du, was ich meine?“

So begann ein Gespräch in der Trauerbegleitung vor ein paar Wochen. Ja, ich verstand was mir Hella* damit erklären wollte. Der Verlust des Mannes ist die eine Sache und das andere ist der Verlust der eigenen Person. Besonders klar wird mir das, wenn Menschen immer wieder wünschen: Jetzt musst du (oder möchte ich) wieder die/der Alte werden. Und ich dann ganz klar sagen muss, dass es das nicht mehr geben wird.

Die Erfahrungen, die Erlebnisse im Miteinander und dann in der Trauer, die verändern einen Menschen zutiefst. Wir werden ja auch nicht mehr wie wir ohne Kinder waren, nur weil diese ausziehen und ihr eigenes Leben führen. Wir werden auch nicht mehr wie vor der Schwangerschaft, nur weil wir geboren haben. Und wir werden nach einer Verlusterfahrung, die unser Leben so stark verändert, nicht mehr wie davor.

Und das hat Hella betrauert.

Um sich selber trauern bedeutet um die Leichtigkeit, die Freude und die Offenheit zu trauern.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, kommt oft eine Schwere ins Leben. Die Unbeschwertheit,  das Dazu-gehören, die Lebenslust und das Lachen aus tiefem Herzen gehen für eine Zeit verloren. Für manche mehr, für andere weniger. Doch alle berichten, dass die Leichtigkeit und dieses Urvertrauen, dass die Welt und das Leben gut sind, zerbricht. Das Aufbauen dessen, was da zerbrochen ist, das braucht Zeit und geht leichter, wenn ich den Bruch betrauern darf.

Um sich selber trauern bedeutet um das Licht und die Farben in mir zu trauern.

Menschen in der Begleitung malen manchmal Bilder. Auch ich habe in meiner Trauer viele Bilder gemalt. Lange habe ich gar nicht gesehen, dass diese Bilder alle eine Dunkelheit in sich trugen. Bis mir eines Tages mein Vater in die Geburtstagskarte schrieb: „Ich wünsche dir, dass die Farben wieder zurück in dein Leben kommen.“ Erst da bemerkte ich das Schwarz und Grau – nicht nur in meinen Bildern, sondern wie ein Symbol für die Trauer in meinem Leben. Ich begann um die Farben zu trauern. Bis sie wieder Einzug in mein Leben bekamen. Heute finde ich mit anderen Menschen ihre Farben wieder.

Um sich selber trauern bedeutet auch um die Sorg-, Furchtlosigkeit und das Vertrauen zu trauern.

Ohne Sorge sagen zu können: „Bis heute Abend!“, wenn ich gerade erfahren habe, dass es nicht selbstverständlich ist. Ja, wir wissen alle, dass es keine Sicherheit gibt und doch leben wir in einer gesunden Verdrängung. Wir verdrängen, dass der Tod allgegenwärtig ist. Und das brauchen wir, für ein sorgloses Leben. Wenn diese Verdrängung nicht mehr funktioniert, weil das Unmögliche doch möglich wurde, dann verlieren die Menschen für längere Zeit ihre Sorg- und Furchtlosigkeit. Auch wenn es seltsam klingt, begleite ich Menschen wieder in die Illusion zurück. Denn die Illusion, dass uns der Tod nichts anhaben kann oder dass er unser Leben nicht berühren wird, die braucht es, um wieder furcht- und sorglos werden zu können. Dadurch kann dann das Vertrauen wieder wachsen, dass das Leben gut und wunderschön sein kann.

Um sich selber trauern bedeutet um die Hoffnung, die Zukunft und den Lebensmut zu trauern.

Hoffnung, die Zukunft, Lebensmut – das was so hilfreich wäre, in der schweren Zeit, das ist oft verschüttet unter Angst, Kummer, Leid und Trauer. Darf oder kann ich noch hoffen, dass mein Leben wieder schön wird, wenn du gestorben bist? Du, mit dem ich mein Leben teilte, du, mit dem ich alt werden wollte, du, den ich ins Leben brachte,… Darf ich das? Kann ich das? Die Hoffnung, wie ein Lichtstreif am Horizont wird immer wieder übersehen oder weggeschoben. Die Zukunft ist für viele angstbesetzt und Lebensmut ein unverständliches Fremdwort geworden. Das darf betrauert werden. Trauernde Menschen dürfen über ihre Hoffnungslosigkeit, die Angst für die Zukunft und um ihren Lebensmut trauern, dann kann sich das langsam wandeln und die Hoffnung wieder ein kleines Fünkchen abgeben. Auch wenn es noch nicht der Lichtstreif ist. Und es braucht jemanden, der dieses Fünkchen auch sieht und bezeugt.

Warum um sich selber trauern?

Du gingst und ein Teil von mir ging mit. So oder so ähnlich lesen wir es häufig und dadurch wird genau das ausgedrückt. Ich habe nicht nur dich verloren – was schon schlimm genug wäre, ich habe auch Teile von mir verloren. Manche werden mit der Zeit wieder zurück kommen und andere werden für immer verloren sein. Ja, es ist gut, wenn du auch um dich trauerst, liebe Hella. Und ich wünsche euch allen, die das lest, Menschen die euch zusichern, dass ihr auch um euch selber trauern dürft und könnt und sollt.

Astrid Bechter-Boss

*Name geändert