Eine Lehrerinnen Fortbildung ist ein wertvoller Beitrag für die Schulen. Nicht nur wenn in einer Schule die Katastrophe eintritt, dass ein Kind stirbt, macht es Sinn das ganze Kollegium fortzubilden. Auch als Vorbereitung ist sie wertvoll. Denn sie schützt ein wenig vor der Hilflosigkeit. Lehrerinnen bekommen Wissen und Handlungsmöglichkeiten. 

Ein Kind starb kurz nach Schulanfang. Ich darf die Familie und auch die Schule begleiten. Dazu gehörte das Gespräch mit den Lehrpersonen, der Direktorin und auch eine Information für die Eltern am Elternabend.
Die Lehrpersonen und die Direktorin wollten eine zeitnahe SCHul Interne Lehrer Fortbildung (SCHILF). Das hat die KPH-Edith Stein (siehe Seite 48) möglich gemacht. DANKE DAFÜR

Zuerst wurden die Teilnehmerinnen gebeten, sich eines der Bilder auszusuchen, die zum Thema Trauer auf dem Boden verteilt waren. Dann ging es in Kleingruppen, in denen erklärt wurde, warum es dieses Bild in die Hände geschafft hat. Anschließend findet die Kleingruppe miteinander, welche Verluste ihnen öfters begegnen, was sie zum Thema Trauer unsicher macht, was sie am Ende der Veranstaltung wissen oder geübt haben wollen und was sie auf keinen Fall wollen.

Es waren viele spannende und ehrliche Fragen dabei. In der Fortbildung versuchte ich manches davon zu erKLÄREN und auch gemeinsam Erklärungen zu finden.

Wie ehrlich soll ich zu einem Kind sein, wenn es eine Selbsttötung oder gar ein Gewaltverbrechen gab?

Sehr ehrlich, denn die Kinder erfahren es sowieso. Früher oder später. Es ist noch schlimmer, wenn die Kinder von anderen Kindern oder aus den Medien oder von anderen Personen erfahren, was sie vielleicht schon geahnt haben und von Vertrauenspersonen nicht erzählt bekamen. Durch die Ehrlichkeit bekommen sie auch eine Ansprechpartnerin, an die sie sich wenden können. Sie trauen sich nachzufragen, wenn sie darauf vertrauen, dass sie ernst genommen werden. So schwer es klingen und sein mag. Und wenn sich dabei jemand überfordert fühlt, dann ist es mutig, sich Hilfe zu holen.

Um der Fantasie vorzugreifen, die so wunderbar und so schrecklich sein kann, hilft nur die Ehrlichkeit. Die Fantasiegebilde, die entstehen, wenn die Fragen nicht mit Wissen gefüllt werden, können wesentlich schlimmer sein, als die Realität.

Besonders bei Suizid finde ich die Wortwahl entscheidend. Es ist kein SelbstMORD, sondern eine Tötung. Niemand wurde ermordet, es ist keine Straftat und auch kein Mord. Es ist eine Selbsttötung. Oder es hat sich jemand das Leben genommen. Das sind, neben dem Fachwort Suizid, passendere Ausdrücke.

Wie lange sollen wir das Thema in den unterschiedlichen Klassen jetzt behandeln?

So lange, wie es für die Kinder Thema ist. Das bedeutet nicht durchgehend, sondern dann wenn die Kinder mit Fragen oder Aussagen kommen. Das kann bei Kindern, die jetzt in der ersten Klasse sind auch in der 4. Klasse wieder Thema sein. Das verstorbene Mädchen wird das Bild über den Tod für die Kinder prägen. Jedes auf seine eigene Art.

Und es gilt auch die Chance zu nutzen, mit den Kindern mehr über ihre Gefühle zu sprechen.

Eine mögliche Methode: Ein Plakat mit unterschiedlichen Smileys und der Überschrift: So fühle ich mich und das heißt: … Die Kinder wählen einen Smiley und zeichnen ihn in ein Heft. Sie schreiben dazu, wie dieses Gefühl für sie heißt. Und am Ende der Stunde oder des Tages machen sie noch einmal das Selbe. Dann sprechen sie miteinander darüber, wie die Gefühle heißen und warum sie sich verändert haben. Durch diese Arbeit mit den Gefühlen lernen sich die Kinder besser kennen, zu artikulieren und vergrößern ihren Wortschatz. Sie bekommen die Befähigung, das Wissen und das Vertrauen, ihre Gefühle einzuordnen. Sie spüren, dass jedes Gefühl in Ordnung ist. Und dass sich jedes Gefühl auch wieder verändern kann.
Die Lehrpersonen lernen durch die Arbeit mit Gefühlen die Kinder und auch sich selber besser kennen.

Wie gehe ich mit meiner und der Wut der Kinder um?

Sich selber zu reflektieren und die Wut zu spüren ist sehr wertvoll. Das bedeutet auch, dass die Kinder wütend sein dürfen. Und das Leben stellt sie manchmal vor Situationen, die wütend oder traurig oder einsam machen. Die Wut ist nur eines der Gefühle in der Trauer. Vielleicht haben manche Menschen solche Bedenken vor der Wut, weil sie selber nicht wissen, wohin mit ihrer Wut. Wie wäre es mit einem Boxsack, einem Auspower-Lauf in den Wald oder einem lauten Schrei aus dem Fenster.

Bei diesem Vorschlag musste die Direktorin lachen und ich fragte, ob das hier nicht geht. Ich dachte an Fenster, die man nicht öffnen kann. Und sie sagte: „Doch, doch, es ist nur die Idee. Die werde ich das nächste Mal probieren!“ Ja, wie schön ist das, wenn die Kinder in ihrer Direktorin ein solches Gefühlsvorbild haben!

Es kommt immer darauf an, was die Lehrperson selber für einen Umgang mit der Wut, der Hilflosigkeit und anderen Gefühlen hat. Es macht keinen Sinn, wenn eine Lehrerin, die sich im Wald nicht wohl fühlt, mit den Kindern in den Wald geht, nur weil es Inhalt einer Fortbildung ist. Die Kinder müssen spüren, dass sich die erwachsene Bezugsperson sicher fühlt, dann fühlen auch sie sich sicher. In einer Situation, in der so viel Unsicherheit ist, gilt es zuerst sich selber zu spüren und zu merken, was für mich selber jetzt wichtig ist.

Zuerst ist jedes Gefühl einmal normal. Das einzige was nicht geht ist, wenn ein Kind sich selber oder andere verletzt oder gefährdet. Der Schutz der Kinder steht im Vordergrund. An einem sicheren Ort darf es toben und die Wut auslassen. Ein Kind in einer solchen Wut soll nicht alleine sein. Auch in anderen starken Gefühlsausdrücken dürfen Kinder nicht alleine gelassen werden.

Danke an die KPH Edith Stein

Das waren nur drei der vielen Fragen und ich bedanke mich bei der Volksschule Edlach in Dornbirn für ihre Offenheit und den Mut sich in dieser Fortbildung auseinander zu setzen. Und ich bedanke mich von Herzen bei Doris Gilgenreiner und der KPH-Edith Stein, die das SCHILF so schnell möglich gemacht haben.

 

Für die weibliche Form in diesem Artikel habe ich mich wegen der Lesbarkeit entschieden und weil die Anzahl der Pädagoginnen an der Schule wesentlich höher war, als die der Pädagogen. Natürlich sind immer die männlichen Lehrer mitgemeint.