Alkohol in der Trauer spielt bei manchen Menschen eine Rolle.
Was bringt der Griff zum Glas? Hilft oder schadet es?
Ist es noch gesund oder schon gefährlich?

Alkohol ist nach wie vor das legale Suchtmittel, das in der Gesellschaft eine Anerkennung hat, wie kein anderes. Der Grat zwischen Genuss und Sucht ist manchmal sehr schmal. Das kommt auf das eigene Suchtpotenzial und auch das erlernte Umgehen mit dem Alkohol an. Wann wird Alkohol getrunken? Was bringt mir der Alkohol? Und meist wird nicht der Alkohol, sondern das Glas Wein oder das Bierchen gesehen.

Vor einiger Zeit kam ich zu einer Trauerbegleitung in ein Haus zu einem Witwer. Er hatte eine Falsche Bier vor sich und gab selber zu, dass er den Schmerz damit „runterspült“.

Eine ältere Dame, die ihren Cognac als „Herzmedizin“ trank. Herzmedizin braucht sie, seit nach ihrem Mann auch noch die Katze gestorben war.

Ein Jugendlicher, der nach Feierabend mit den Kollegen zusammen sitzt und ein paar Jägermeister trinkt, damit er nicht vor den Kollegen über den Tod seiner Mama weinen muss.

Die Mutter, deren Sohn starb und die ihren Schmerz mit Wein besänftigte.

Die trauernde Schwester, die mit ihren Freundinnen Sekt trank, damit sie deren Fröhlichkeit aushalten kann.

Ich könnte noch viele solcher Beispiele erzählen. Besonders beeindruckt hat mich der Blogbeitrag von Rainer Juriatti: Sternenkinder ertränken.

Er erzählt darin von sich selber. Von seinem Umgang mit Alkohol und wie das mit dem Schämen ist.

Seit 900 und einem Tag bin ich clean. Bei Typen wie mir sagt man: trocken. Lebe jedenfalls ohne jeglichen Trosttropfen. Steuere nach Festivitäten außer Haus den Wagen zuverlässig heimwärts. Amüsiere mich an den berauschten Stimmungen anderer. Und schäme mich. Ganz heimlich schäme ich mich sehr oft. (Rainer Juriatti)

Alkohol zum Wohl oder zum Unwohl?

Warum schämen, fragen sich vielleicht manche. Die Scham kommt mit dem Überwinden. Wenn plötzlich gesehen wird, wie der Alkohol das Ich verändert – und das nicht nur bei einem Fest, sondern fast ständig. Die Scham ist ein Gefühl, das wir ebenso los werden wollen, wie die Trauer. Das ist ein Teufelskreislauf. Kann oder will ein Mensch diese Gefühle nicht aushalten und ist der Alkohol, in welcher Form auch immer, schon länger ein „Freund“ der immer da ist und das Schwere lindert, dann kann das Gläschen Wein zur Beruhigung mit der Zeit das Gläschen in die Sucht werden.

Was tun dagegen?

Nichts mehr trinken! Lautet oft die viel zu einfach gehaltene Antwort. Werden die Gründe für das Trinken nicht angesehen und bekommen Menschen keine andere Möglichkeit damit umzugehen, dann wird der Weg in die Sucht noch breiter.

Die Frage ist, wann und warum trinkt ein Mensch. Ist es die Trauer, ist es die Scham? Ist es der Schmerz, ist es die Ohnmacht?

Was auf jeden Fall hilfreich ist, sind Menschen. Menschen, die ehrlich und offen mit dem Trinken umgehen. Die es wagen hinter den Cognac zu sehen und zu fragen, was denn gerade schwer ist. Es kann helfen, in einer Trauerbegleitung (wenn sich die Sucht noch nicht manifestiert hat) anzuschauen, was andere Möglichkeiten sind, damit umzugehen. Hat sich die Sucht manifestiert, braucht es eine Therapie. Ist es eine Systemische Therapie, wird neben dem Verzicht auf Alkohol auch an diesen Alternativen gearbeitet.

Cheers – gesund oder ungesund?

Wie bemerkt ein Mensch, dass der Alkohol nicht mehr gesund ist? Oft bemerken Menschen eine Gewohnheit. Wenn in immer selben Situationen der Griff zum „leicht-mach-Getränk“ geschieht. Wenn immer zur selben Tageszeit getrunken wird. Wenn der Gedanke, ohne das Getränk zu sein, ein ungutes Gefühl (Angst, Sorge, Unwohlsein) auslöst. Das sind Zeichen einer Gewohnheit. Und diese Gewohnheit kann in die Sucht führen. Manchmal kann es helfen diese Gewohnheit zu ändern.

„Komm, ich bleib da – auch wenn es schwer ist!“

Einen Satz wie diesen, von einem Menschen zu hören und es dann auch erfahren zu dürfen, das hilft trauernden Menschen auch anders auf das Schwere, die Ohnmacht, den Schmerz, die Trauer und die Scham zu reagieren. Menschen, die da sind und ohne zu urteilen zuhören und da bleiben. Und das bei einer Tasse Tee oder einem Wasser. Und natürlich darf es auch mal ein Gläschen mit etwas alkoholischem sein, wenn der Ausgleich da ist. Wenn es kein Ertränken von etwas ist. Das Zusammensein bei einem Glas Wein, einem Bier oder einem anderen Getränk kann auch Verbindung schaffen. Es ist nicht immer der BÖSE Alkohol. Es geht um den Grat zwischen Genuss und Sucht.

Ich wünsche allen, dass sie Menschen um sich haben, die mit ihnen gehen und mit ihnen aushalten.

Damit der Alkohol ein Genussmittel sein darf und kein Muss wird.

Und so sage ich: Zum Wohlsein

 

Hier finden Sie den Blogbeitrag von Rainer Juriatti.