Warum haben Menschen so wenig Verständnis für die Trauer der Mitmenschen? Gibt es darauf Antworten? Mit diesem Artikel möchte ich einige finden.

In der Trauerbegleitung kommt immer wieder die Frage auf, warum Menschen oft wenig Verständnis für die Intensität und die Dauer von Trauer haben, wenn  sie selbst nicht von der Trauer betroffen sind. Diese Frage kommt meist mit einem Vorwurf in der Stimme. Die Frage nach Empathie und der Verantwortung kommen hoch. Kann das nicht in den Schulen gelehrt werden? Warum ist niemand da, der aufklärt?

Oft antworte ich mit einer Gegenfrage

Wie sind Sie, vor dem Tod des nahen Menschen, mit trauernden Personen umgegangen? Was haben Sie gefragt? Was haben Sie getan?

Meist bringt das Ernüchterung. Selber haben sie häufig ähnlich reagiert, wie es ihr Umfeld heute tut.

Woran liegt es und wie kann das geändert werden?

Ich frage Sie hier: Was sind ihre ersten Gedanken, wenn Sie das Bild des weinenden Kindes sehen? Was würden Sie tun, wenn dieses Kind vor Ihnen stünde?

Die Eltern

Eltern schützen ihr Kind. Damit fängt es an. Eltern wollen ihre Kinder auch vor Traurigkeit und Schmerz schützen. Den Eltern gilt mein volles Verständnis, weil sie die Kinder nicht leiden sehen wollen. Doch leider nehmen sie den Kindern dadurch sehr viel Lernerfahrung. Wird den Kindern gesagt: „Das ist jetzt nicht so schlimm“, wie sollen sie eine Umgangsform mit Schmerz und Trauer finden?

Bei kleinsten Schmerzen gibt es eine Creme oder Globuli oder Nureflex, selten wird der Schmerz weggeblasen und die verletzte Stelle sanft geküsst. Selten wird dem Kind gesagt: „Ja, das tut jetzt weh und das tut mir leid. Ich bin bei dir.“ Häufig wird es schnell weggemacht. (Ich spreche mich hier nicht gegen Creme, Globuli oder Nureflex aus, sondern für einen passenden Umgang damit)

Warum sagen wir dem Kind nicht, das sich beim Schaukeln freut: „Sei doch nicht so fröhlich! Das ist doch kein Grund zum Lachen!“? In der Freude bestärken wir die Kinder. In der Traurigkeit nicht. Vielleicht deswegen, weil wir das Gefühl der Traurigkeit und des Schmerzes selber nicht mögen und unsere Kinder davor schützen wollen?

Was sind die Folgen dieses Schutzes?

Kinder lernen nicht, die Traurigkeit auszuhalten. Sie lernen nicht, den Schmerz auszuhalten. Sie können das alles nicht im Kleinen üben, was später vielleicht im Großen über sie hereinbricht.

Kinder bekommen nicht die Möglichkeit darüber zu reden, Worte zu finden und sich auszudrücken. Weil sie keine Ideen dafür bekommen, wie über das Schwere geredet wird. Es fehlen die Worte. Wenn ich die Worte blau und rot nicht kenne, werden die Farben nicht benannt werden können. Wenn ich nicht sagen kann, dass ich traurig bin, weil es dieses Gefühl in meinem Wortschatz nicht gibt, werde ich nicht darüber sprechen können. So wie es mit der Traurigkeit ist, ist es auch mit vielen anderen Gefühlen: Wut, Ekel, Scham, Ohnmacht, Leere, Schmerz, …
Die Kinder werden nicht über ihre Gefühle sprechen, wenn sie nicht dazu aufgefordert werden.

Die KindergartenpädagogInnen

Langsam verbreitet sich das Wissen um die Wichtigkeit, Gefühle benennen zu können. Leider ist in der Ausbildung nur wenig von der Trauer die Rede – und wenn dann wird es theoretisch besprochen. Trauer ist nichts theoretisches. Um Verständnis für die Kinder zu haben, die gerade traurig sind, ist es hilfreich die eigene Trauergeschichte reflektiert zu haben. Es nützt, wenn ich weiß, dass ich auf meine Art damit umgehe und dass es noch unzählige andere Arten gibt, mit den Gefühlen umzugehen.

Die Lehrpersonen

Neben dem Lehrplan und den  Herausforderungen, dass das System Schule mit sich bringt, ist es schwer auf die einzelnen Kinder einzugehen. Immer mehr LehrerInnen versuchen die SchülerInnen ganzheitlich wahr zu nehmen und sie auch in Krisensituationen zu unterstützen. Auch hier fehlt die Ausbildung dafür. Die Hilflosigkeit ist groß und es gilt auch, dass Traurigkeit über eine schlechte Note oft „weggemacht“ wird. „Das ist nicht so schlimm, das schaffst du das nächste Mal sicher besser.“ Ja, das sind aufbauende und bestärkende Worte, die wichtig sind. Zuerst ist es auch wichtig, die Traurigkeit da sein zu lassen. „Warum schaust du so traurig? …. Ja, das ist nicht gut gelaufen und das macht dich … (traurig, wütend, …) … Was brauchst du jetzt für dich? … Nein, die Note kann ich nicht ändern. Die kannst nur du ändern. Du kommst zu mir, wenn du Fragen hast …. und jetzt soll auch bestärkt werden!

Sowohl im Elternhaus, im Kindergarten und der Schule fehlt oft die Anerkennung für die kleinen Traurigkeiten, die kleinen Schmerzen, die kleinen Übungsfelder, in denen Worte gefunden werden können und Sprache möglich wird.

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr

Das absprechen der kleinen Traurigkeiten wirkt sich im Umgang mit trauernden Menschen aus. Auch die große Trauer will weggemacht werden. Hinzu kommen veraltete Sätze, die sich eingeprägt haben: „Du musst loslassen.“ „Du musst wieder ins Leben kommen“

Trauer bedeutet vielmehr in Verbindung zu sein. Die Verbindung zum Verstorbenen neu zu definieren und auch die Verbindung zum Leben neu zu finden. Das braucht Zeit und ist nicht in ein paar Monaten oder einem Jahr zu machen.

Menschen, die keine geliebte Person betrauern, fehlt das Verständnis, weil sie eben auch in der Kindheit schon gehört haben: „Das ist doch nicht so schlimm, da musst du jetzt nicht weinen oder traurig sein!“ Die Frage stellt sich oft nach einem Ersatz, der nie möglich sein wird. Menschen können nicht ersetzt werden. Ein weiteres Kind füllt nicht die Lücke eines verstorbenen Kindes und ein neuer Partner ersetzt nicht den Verstorbenen. Und es gibt keine Cremes oder Pflaster, die den Tod und die Trauer nichtig machen können. Hilfe ist schlussendlich nur das DASEIN und das mit AUSHALTEN.

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