Seit vielen Jahren bin ich mit trauernden Menschen unterwegs. Immer wieder erfahre ich, wie wichtig Trauerhilfe am Arbeitsplatz für sie ist.
Mit diesem Artikel möchte ich die Aktion „Alle reden über Trauer“ bereichern. 

Wie ich auf die Idee kam, Trauerbegleitung am Arbeitsplatz zum Thema zu machen

Vor einigen Jahren hatte ich in meiner ehrenamtlichen Arbeit eine Frau in der Trauerbegleitung. Ich nenne sie hier Susanne. Susanne trauert um ihren Mann, der ganz plötzlich durch die Folgen eines schweren Verkehrsunfalls noch an der Unfallstelle verstarb. Sie haben drei Kinder, die damals 5, 9 und 13 Jahre alt waren. Beim Vorgespräch am Telefon hatte ich den Eindruck, dass wir über ihre Trauer und den Umgang mit der Trauer ihrer Kinder sprechen würden.

Bei unserem ersten Treffen erzählte sie mir vom Unfallhergang, wie sie darüber informiert wurde und wie die Welt für sie stehen blieb. Sie erzählte wie schwer es für sie war, an den 13 jährigen Sohn heran zu kommen und wie die fünfjährige Tochter sie zu schützen versuchte. Der neunjährige Sohn sprach offen über Papa und weinte viel. Beim Spielen mit den Freunden wirkte er sehr gelöst und unbeschwert. Die erste Stunde verging wie im Flug und wir vereinbarten einen weiteren Termin. Ich war berührt von ihrer Offenheit und ihrem Umgang mit dem Schweren, das jetzt einen Platz in ihrem Leben eingenommen hat.

Das zweite Gespräch

brachte einen abrupten Themenwechsel. Susanne war schon vor dem Tod ihres Mannes in einer Firma als Sachbearbeiterin angestellt. Die Personalabteilung schickte einen sehr großen Kranz zur Beerdigung. Außer einer Arbeitskollegin, die sie auch als Freundin bezeichnete, war niemand aus dem Unternehmen bei der Verabschiedung dabei. Als sie am ersten Tag danach wieder zur Arbeit kam, wurde sie ignoriert. Kollegen wichen ihrem Blick aus. Sie versuchten arbeitstechnische Informationen von anderen Stellen zu bekommen, anstatt direkt bei ihr anzufragen, wie das zuvor üblich war. Ihr Vorgesetzter kam kurz vor Mittag an ihren Schreibtisch und sagte: „Schön, dass du wieder da bist und arbeitest. Du bist ja auch gar nicht so depressiv, wie ich es erwartet hätte. Das ist ja gut, dass du dich wieder dem Leben zuwendest!“ Dann ging er wieder, ohne eine Antwort abzuwarten. Es waren erst 14 Tage nach dem Unfall vergangen.

Nicht nur dieses zweite Gespräch, sondern noch viele mehr, wurden inhaltlich vom Thema Arbeit geprägt. Susanne arbeitete 70% das waren etwa 7 Stunden an vier Tagen. In dieser Zeit fühlte sie sich als Aussätzige, wie sie es selber benannte. Die Arbeitszeit war ein Großteil ihrer Lebenszeit und sie konnte sich nur mehr wenig auf ihre Arbeit, die sie ursprünglich gern getan hat, konzentrieren. Sie konnte den Prozess der Trauer nicht in Fluss bringen, weil sie immer wieder mit neuen Verletzungen an der Arbeitsstelle beschäftigt war.

Schlussendlich kündigte sie und fand eine neue Arbeit in einem anderen Unternehmen.

Gleich beim Einstellungsgespräch erzählte sie von Ihrer Lebenssituation, von der Trauer um ihren Mann, den Kindern und den Verletzungen, die sie zusätzlich ertragen muss. Die Personalleiterin und ihr späterer Vorgesetzter hörten sich ihre Geschichte an. Sie fragten nach und erfuhren in dem Gespräch, was sie sich am Arbeitsplatz wünscht.

Susanne wollte ein Foto von ihrem Mann und ihren Kindern am Schreibtisch aufstellen. Hier wurde das ohne schräge Blicke begrüßt. An ihrem vorherigen Arbeitsplatz war das Foto oft umgedreht, weil eine Kollegin das nicht aushielt. Auf die Frage, wie es in einer solchen Situation wäre, bekam sie die Antwort: „Dann gilt es heraus zu finden, warum diese Kollegin solche Probleme damit hat.“

Eine weiter Bitte war, dass sie in der Kaffeeküche auch über ihren Mann sprechen und ab und zu auch mal ihre Trauer kommunizieren darf. Da entglitt der Personalleiterin ein Lachen und sie entschuldigte sich sofort: „Es tut mir leid, doch das ist bei uns selbstverständlich. Da gibt es so viele Kollegen und Kolleginnen, die über ihre Sorgen sprechen, denn wir sind überzeugt, dass nur dann eine angenehme Arbeitsatmosphäre sein kann, wenn das Leben der Mitarbeiter Platz hat.“

Die Personalleiterin fragte sie auch, wie es ihr mit den Arbeitszeiten ginge, weil ihre Kinder doch noch klein sind. Sie vereinbarten Zeiten, die Susanne gut mit der Kinderbetreuung vereinbaren konnte. Und dann kam der „Überhammer“, wie Susanne es nannte. Der Vorgesetzte fragte sie, ob sie sich die ganze Zeit wirklich auf die Arbeit konzentrieren könne oder ob sie vermehrt Pausen oder auch Auszeiten benötige.

Ängstlich und ehrlich antwortete sie: „Es ist nicht mehr wie vorher, meine Konzentration lässt oft nach 2 Stunden nach und wenn ich dann einen Kaffee trinken oder mir mal kurz die Beine vertreten kann, dann geht es wieder.“ Der Vorgesetzte meinte darauf: „Mir ist lieber, Sie machen hin und wieder eine Pause, nehmen sich auch mal länger Zeit und sind dann wieder arbeitsfähig, als dass Sie sich quälen und die Arbeit auch nicht gemacht werden kann.“ „Ich fiel fast vom Stuhl!“, sagte mir Susanne. Sie bekam die Stelle und das Besprochene wurde alles eingehalten. Es war ein angenehmes Arbeiten. Später stellte sich heraus, dass sowohl die Personalleiterin, als auch der Vorgesetzte selber schon schwere Trauererfahrungen machen mussten.

Susannes Trauerprozess

Dieser Arbeitswechsel fand 9 Monate nach dem Tod ihres Mannes statt. Jetzt konnte sie ihre Trauer leben und der Prozess begann. All jene, die Trauer kennen, wissen dass es ein schwerer und weiter Weg ist. Der Umgang am Arbeitsplatz, an dem so viel Zeit verbracht wird, ist ein wesentlicher Teil ob Trauer gelebt werden kann oder ob da nur Platz für die vielen zusätzlichen Verletzungen und Belastungen ist.

Ich durfte Susanne immer wieder einmal begleiten.  Heute, vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes, arbeitet sie immer noch in dieser Firma, in der sie sich aufgehoben fühlt. Sie leitet ein Team von 5 Personen im Einkauf. Sie freut sich an der Arbeit und geht unbeschwert nach Hause, wo sie Zeit für und mit ihren Kindern hat. Die Trauer um ihren Mann ist immer noch da. „Als Begleiterin und Wächterin für meine Seele“, so beschrieb es Susanne vor ein paar Monaten, als ich sie zufällig traf. Ihre Kinder haben ihre Wege mit der Trauer gefunden und immer wieder wird ihnen der Papa und der Mann fehlen. Sie leben miteinander das Leben und lassen die Trauer dabei sein, dann wenn sie ihren Platz fordert.

Ich bin überzeugt, dass das nur möglich ist, weil Susanne sich nicht mehr in diesem Maße mit den zusätzlichen Verletzungen auseinander setzen musste.

Trauer am Arbeitsplatz – was kann ich tun

  • Aufklärung und Interesse von Personalabteilungen, Führungskräften und Mitarbeitern hilft eine Arbeitsatmosphäre zu schaffen, die Kündigungen (innere und auch reale) vermeidbar machen.
  • Ein Krisen-Prozess-Plan oder Leitfaden kann Struktur und Halt geben.
  • Mit Vorträgen und Seminaren werden Menschen geschult, die selber noch keinen schweren Verlust erleiden mussten, einen Umgang mit der Trauer und auch dem Tod am Arbeitsplatz zu finden.
  • In der Akutbegleitung werden sowohl trauernde MitarbeiterInnen, als auch deren Führungskräfte begleitet, eine offene Gesprächsbasis zu finden, in der das Arbeiten möglich wird und die Trauer nicht behindert wird.
  • Das Angebot einer (zum Teil) vom Arbeitgeber finanzierten Trauerbegleitung kann die Einzelnen in ihrem Prozess stützen.

Trauerbegleitung am Arbeitsplatz – so ein Blödsinn?

Immer wieder erfahre ich, wie wenig es braucht und wie viel es bewirkt. Denken wir an Susanne und ihr Familienfoto, die Möglichkeit einer zusätzlichen Pause, das offene Ohr und das offene Gespräch. Es ist so wenig und vielleicht gerade deshalb so viel.

Für eine Firma ist es wichtig, dass Arbeitskräfte arbeitsfähig sind. In der Trauer sind sie das oft nicht so, wie sie es zuvor waren. Deshalb sind Unternehmen in der Verantwortung, sich um die Mitarbeitenden zu kümmern. Familienfreundliche oder auch gesunde Unternehmen dürfen psychische Belastungen nicht aussparen.

Ich finde, dass die Trauerbegleitung am Arbeitsplatz keineswegs Blödsinn ist! Sie wertschätzt die Menschen, stärkt das Team im Zusammenhalt und verstärkt eine Bindung an das Unternehmen.

Astrid Bechter-Boss

Trauer am Arbeitsplatz

Krisen – Trauer – Lebensbegleitung