Zugehörige

„Der von Kerstin Lammer geprägte Terminus ‚Zugehörige‘, …, umfasst sowohl die Angehörigen als auch all diejenigen, die dem Sterbenden nahe stehen, also Verwandte, Freunde, Kollegen, Nachbarn und ehrenamtliche Begleiter. Der Begriff drückt stärker die Teilhabe aus, Zugehörig sind Teil vom Bezugssystem und nehmen am Patientenschicksal in besonderer Weise Anteil. Sie stehen in direkter Nähe und Beziehung. Die Bezeichnung ‚Angehörige‘ läuft Gefahr, im Sinne von Anhängsel des Patienten verstanden zu werden.“
(Aus: Handbuch Trauerbegegnung- und begleitung – Theorie und Praxis in Hospizarbeit und Palliative Care – Monika Müller/Sylvia Brathuhn/Matthias Schnegg)

Diese Definition kommt nicht nur aus der Trauer-, sondern auch aus der Sterbebegleitung. Hier scheint es logischer zu sein, nicht von Angehörigen zu sprechen. Es geht auch um Ärzte und Pflegepersonal. Es geht um alle Menschen, die dem Sterbenden nahe stehen.

Immer mehr erkennen Menschen, wie wichtig die Wortwahl ist, wenn mit Trauernden gesprochen wird. Trauerbegleiterinnen sind immer wieder bemüht dafür das Bewusstsein zu stärken, dass eine passende Wortwahl Trauerhilfe sein kann. In diesem Artikel möchte ich mich mit einem Wort auseinandersetzen, das ausdrücken soll, wer von einem Trauerfall betroffen ist. Zugehörige.

Angehörige

Bisher wurden sie immer die Angehörigen oder die Hinterbliebenen genannt. Das stimmt nur bedingt. Angehörige werden oft mit Verwandtschaft gleich gesetzt.

Was ist mit den Freunden, mit Arbeitskollegen, mit Nachbarn, mit der noch frischen Liebe, …. es gäbe noch viel mehr Beispiele und vielleicht fallen auch Ihnen noch welche ein.

Hinterbliebene

Warum ist „Hinterbliebene“ missverständlich? Für mich klingt es nach „Hinten dran geblieben“. Ein bisschen wie ein Kind zu mir sagte: „Wenn der liebe Gott alle holt, die er besonders lieb hat, warum holt er mich dann nicht? Bin ich zu weit hinten angestanden?“

Wer gehört dazu

Auch in der Trauer gibt es das. Zu jedem Sterbefall gehören durchschnittlich 3 – 5 enge trauernde Menschen. Sie sind ebenso Zugehörige, wie jene, die weiter weg sind. Besonders Pflegekräfte und auch Mitarbeiter oder Vereinskollegen werden oft übersehen. Natürlich ist ihre Trauer um diesen Menschen oft nicht vergleichbar, mit der Trauer der Witwe oder des Kindes. Und doch ist es eine Trauer. Trauer darf in unterschiedlichsten Facetten sein. Immer wieder passiert es, dass Menschen die Trauer aberkannt wird. Das ist keine Trauerhilfe.

Trauerhilfe ist, wenn jeder Mensch die eigenen Gefühle ausdrücken darf und sie vom Umfeld angenommen werden, wie sie sind. Es ist ein weiter Weg dort hin. Doch diesen Weg gehen schon viele Menschen mit dem Wunsch, der Trauer ihren angemessenen Platz zu geben.

Miteinander statt Konkurrenz

Dadurch kann ein Miteinander entstehen, das alle Menschen in diesem Trauerfall stärken kann. Miteinander statt gegeneinander, auch das wird für mich mit dem Wort „Zugehörig“ ausgedrückt. Es braucht keine Konkurrenz, sondern jede und jeder darf so wie es ist. Und darüber darf gesprochen werden. Der Bruder einer verstorbenen Person ist keine Konkurrenz zur Trauer des Vaters oder der Ehefrau. Sie alle dürfen auf ihre Weise trauern und wenn sie sich dabei in einem Miteinander empfinden, ist das Trauerhilfe für alle.

Wenn wir von „Zugehörigen“ sprechen, dann darf auch ein Mensch der kein Angehöriger ist, sich Hilfe suchen, wenn er sie braucht. Wenn wir „Zugehörig“ ernst nehmen, dann darf auch der Arbeitskollege einer verstorbenen Mitarbeiterin in eine Beratung gehen, ohne sich der Lächerlichkeit auszusetzen. Wir wissen nie, was ein Todesfall in einem Menschen auslöst. Das Wort Zugehörige ist für mich absolut wertfrei und hat sich mir zugänglich gemacht. Ich mag es und verwende es oft. Denn damit wird niemand hinten an gereiht und niemand ausgeschlossen. So wie es auch auf dem Bild ersichtlich ist. Es gibt immer jene, die stärker betroffen sind und jene die anders betroffen sind. Alle gehören dazu und dürfen ihre Trauer ausdrücken, so wie es für sie und ihre Situation passend ist. Das ist schon ein bisschen Hilfe in der Trauer, wenn ich „dazu gehören“ darf. Deshalb verabschieden wir uns immer mehr von Worten wie Angehörig und Hinterblieben und begrüßen das neue Wort Zugehörig.