Eine Frau am Bahnhof, ich mit den Kindern unterwegs. Sie kommt uns gebeugt entgegen. Kurz hebt sie ihren Kopf. Sie weint. Ein Kind schaut sie an, nimmt sie ganz wahr und fragt: „Bist du traurig?“  „Ja“ sagt sie. Das ist Mut. Mut zu fragen und Mut ehrlich zu antworten.
Mit diesem Mut war das Eis gebrochen. Ich fragte sie, ob sie ein bisschen erzählen mag.
Wir gingen miteinander zum Spielplatz. setzten uns auf eine Bank und sahen den Kindern beim Spielen zu.  
Die Frau, die sich als Frau Winter vorstellte, erzählte von ihrem Mann,
wie sie sich kennengelernt haben, in den Nachkriegsjahren.
Wie sie trotz der trostlosen Zeit die Hoffnung auf eine gute Zukunft nährten.
Vom Heiratsantrag, der so schlicht und doch so berührend war.
Sie hat mir erlaubt, darüber zu berichten.
Heinz  kam eines Abends in ihr Elternhaus zu Besuch. Er ging zuerst zu den Eltern, um sie zu begrüßen, wie das üblich war.
Dann setzten sie sich gemeinsam in die Stube. Dort nahm er sie in den Arm, schob sie dann auf Armeslänge von sich und sagte:
„Dich habe ich kennen gelernt, als der Krieg beendet wurde. In dich habe ich mich verliebt, als es Frieden gab. Mit dir möchte
ich mein Leben verbringen in Frieden und mit Glück, bis wir alt werden. Möchtest du das auch?“
Und dann erzählte sie von ihren Kindern, den Enkeln, dem unter Mühen ersparten und gebauten Haus, den Ausflügen,
dem Luxus von einem besonderen Nachtisch oder einem extra Stück Fleisch.
„Und heute, heute könnten wir uns all das leisten, was Heinz immer so gern gehabt hätte. Und jetzt ist er nicht mehr da.“
Ich hörte die Geschichte, wie er krank wurde und wie er dann starb. Wie schwer seither die Tage sind. Wie einsam sie sich fühlt,
obwohl die Kinder und Enkel oft kommen. Doch mit ihnen möchte sie nicht darüber reden, denn das würde sie nur belasten.
Und dann durfte ich noch einige Anekdoten aus dem Leben von Heinz und seiner Frau, den Kindern und den Enkeln hören.
In dieser Stunde durfte ich Heinz kennen lernen und ich finde ihn, durch die Augen seiner Frau betrachtet, einen adretten, liebenswürdigen Herrn.
Für Frau Winter war dieser Nachmittag Trauerhilfe und für mich Lebenshilfe. Ich durfte für mein Leben lernen.
Dann gab sie den Kindern ein Eis aus und sagte: „Seit langem wieder ein Nachmittag, an dem ich spürte, wie nah mir Heinz ist, wenn er da sein darf. Danke für’s Zuhören und für’s Fragen.“
 
Gefragt habe ich nicht, das war der Kleine Große. So mutig wäre ich auch oft gerne.
 
Ich wünsche uns allen den Mut der Kinder.
Ich wünsche den trauernden Menschen, dass ein Mensch mit diesem Mut in der Nähe ist. Und wenn Sie niemanden haben, den Mut für sich selber Hilfe zu finden. 
(Namen wurden verändert.)