Wie kann das Umfeld sensibilisiert werden, im Umgang mit trauernden Menschen? Die Geschichte von „Gottfried“ ist eine Möglichkeit. 

Die Welt bleibt stehen

Nennen wir die trauernde Person Gottfried. Gottfried hat seine Frau ganz plötzlich nach einem Schlaganfall in den Tod verabschiedet. Er ist aus allen Wolken gefallen. Die Welt in der er lebte war plötzlich nicht mehr so, wie er sie kannte. Seine Welt blieb stehen und die Welt der anderen drehte sich weiter. Dieser Stillstand machte ihm zu schaffen. Die Nachbarn und Freunde wollten ihm helfen. Doch sie erkannten seinen Stillstand nicht. Sie dachten ihm helfen zu müssen, in dem sie ihn wieder zurück in die sich drehende Welt bringen.

Was kann ich tun, um Gottfried zu helfen?

Wir überlegten miteinander, was denn möglich wäre. Und er kam auf die Idee, seine Nachbarn und Freunde auf einen Umtrunk im Garten einzuladen. Bei diesem Umtrunk solle auch ich dabei sein. Und dann möchte er mit mir ein Gespräch führen, vor seinen Gästen.

Ich fand das zuerst befremdlich. Doch dann erkannte ich den Sinn, den er sich davon versprach. Eine Rede zu halten würde ihn viel zu viel Kraft kosten. Sich mit mir zu unterhalten und dabei auszublenden, dass da noch mehr Menschen sind, das fällt ihm leichter.

Der Umtrunk

Ich kam also zu diesem Umtrunk – Fest wollte er es nicht nennen, denn ihm war nicht zum Feiern zu Mute. Ich hatte einige Fragen im Petto, die ich bei unserem Gespräch stellen könnte und deren Antworten seinen Freunden und Nachbarn hilfreich sein könnten im Umgang mit dem trauernden Gottfried.

Ich wurde allen vorgestellt. Es waren ganz unterschiedliche Menschen. Mit manchen kam ich sehr schnell ins Gespräch und sie wollten wissen, wie sie mit Gottfried umgehen könnten. Darauf wollte ich keine direkte Antwort geben, denn Gottfried musste auf diese Fragen antworten.

Gottfried spricht

Und so bat ich Gottfried er möge sich doch für unser „Gespräch“ bereit machen. Er holte zwei Stühle und begann mit seinen Freunden zu sprechen.

„Ich freue mich, dass ihr alle hier seid. Ich möchte euch heute erzählen, wie es in mir so aussieht und was für mich schwer ist und was schön ist. Dafür werde ich jetzt ein Gespräch führen und ihr dürft dabei sein.“
Verwunderung lag in der Luft.

Und ich begann mit der Frage:
„Gottfried, wie sollen deine Nachbarn und Freunde mit dir umgehen.“
Bewusst wählte ich eine Formulierung, die auch die Nachbarn und Freunde wählten, als sie mich fragten. Und die Antwort war so einfach und eindeutig:

„Manchmal mag ich reden und manchmal schweigen.
Manchmal möchte ich zu Hause bleiben und manchmal ausgehen.
Manchmal ist mir zum Lachen – und dann wieder zum Weinen.
Manchmal … und dieses manchmal ist für euch sicher schwer. Doch wenn ihr mich fragt, ob ich mit mag oder ob ich reden mag, dann gebe ich euch gerne Antwort. Lasst mich weiter von Isolde reden und lasst es nicht zu, dass ihr Name Schrecken mit sich bringt. Ich möchte meine Tränen nicht verstecken müssen und auch nicht mein Lachen. Ich möchte euch nicht verletzen, wenn das, was ich sage besonders schwer ist. Ich muss es nur immer wieder sagen, damit ich es verstehen kann und langsam begreifen kann. Ich brauche jetzt Menschen, die mich so sein lassen, wie ich bin und ich brauche Menschen, die immer mal wieder anklopfen und fragen, was ich gerade brauche. Könnt ihr das tun für mich?“

Sein Blick war schon lange nicht mehr auf mich, sondern auf seine Gäste gerichtet. Seine Worte brachten nicht nur meine Tränen an die Oberfläche. Seine Worte berührten mich zutiefst und ich sagte ihm später noch, wie froh ich über seinen Mut sei.

Der Mut von Gottfried

Diesen Mut, den wünsche ich allen trauernden Menschen, dass sie es wagen, darüber zu reden, was sie brauchen. Denn erst dann können Freunde und Nachbarn auch danach handeln.
Ich wünsche euch allen einen erträglichen Tag und eine Begegnung, in der Offenheit möglich ist.